Zur „Illusion des selbstbestimmten Sterbens“?

Zu meinem am 1. März 2018 veröffentlichten Blogbeitrag möchte ich folgendes ergänzen:

Ich finde zunächst den Titel des Tagesanzeigerartikels zu reisserisch. Denn das selbstbestimmte Sterben ist keine Illusion oder soll eben keine Illusion sein, sondern ein erstrebenswertes Ziel. Auch wenn es stimmt, und das zweifle ich nicht an, dass die meisten Menschen ihre letzte Lebensphase in Spitälern und Pflegeheimen verbringen, hindert dies eine bewusste Entscheidung im Rahmen einer Patientenverfügung keineswegs. Weiter wird in besagtem Artikel ausgeführt, dass die Resultate einer Nationalfondsstudie ergeben hätten, dass die Wünsche in Patientenverfügungen oft widersprüchlich und nicht realisierbar seien. Auf der Suche nach der Quelle dieser Aussage bin ich in dieser Studie auf Seite 26 unten auf folgendes gestossen:

„Patientenverfügungen, wie sie im neuen Erwachsenenschutzrecht geregelt sind,
tragen oft nicht befriedigend dazu bei, dass Ärzte oder Angehörige urteilsunfähiger Sterbender
stellvertretend angemessene Entscheide treffen. Die Patientenverfügungen sind häufig
nicht rechtzeitig verfügbar, und oft bleibt unklar, ob sie auf freiem Willen beruhen und ob sie
im Wissen um die Folgen der geäusserten Wünsche verfasst worden sind. Nicht selten sind
die darin geäusserten Wünsche und Forderungen nicht realisierbar oder widersprüchlich.“

Was mich hier vor allem stört ist die Aussage, dass es oft unklar bleibe, ob die Patientenverfügung auf freiem Willen beruhe. Das stört mich nicht nur, sondern ärgert mich ein wenig. Es liegt meines Erachtens nicht im Ermessen eines Arztes / einer Ärztin, den freien Willen eines Patienten in Frage zu stellen. Wenn dem so wäre, würde alles um die Patientenverfügung hinfällig. Abschliessend ist zu sagen, dass in erwähnter Studie nicht ersichtlich ist, inwiefern die in einer Patientenverfügung geäusserten Wünsche und Forderungen nicht realisierbar oder widersprüchlich seien. Auf Seite 27 wird sodann aufgezeigt, wie diesen „Problemen“ begegnet werden könnte. Die Patientenverfügung soll nämlich auf Initiative des Gesundheitspersonals erstellt werden. Dies unter dem Titel «Advance Care Planning» ……..

Zum Synthesebericht der Nationalfondsstudie:

http://www.nfp67.ch/SiteCollectionDocuments/nfp67-synthesebericht-de.pdf

Autor: Daniel Hoffmann

Erwachsenenschutzrecht, Erbrecht, Patientenverfügung, Vorsorgeauftrag, Strafrecht, Ausländerrecht, Asylrecht und Mietrecht. Rechtsanwalt Zürich www.patientenverfuegungvorsorgeauftrag.ch

Ein Gedanke zu „Zur „Illusion des selbstbestimmten Sterbens“?“

  1. Nun der Titel klingt zwar reißerisch, ist er aber leider nicht, wenn man die Patientenverfügung im herkömmlichen Sinn meint. Defensive medicine ist die Ursache dafür, dass Ärzte bemüht sind Gründe zu finden, weshalb sie sich nicht an eine (selbst rechtzeitig vorgelegte) Patientenverfügung halten müssen. Und wer kann ihnen widersprechen, wenn sie behaupten die in der Patientenverfügung abgelehnte Maßnahme sei nicht konkret genug beschrieben oder die Situation ist nicht mit jener ident, die in der Patientenverfügung genannt ist. Ich denke die Nationalfondsstudie sollte tatsächlich nur das Vorfeld für ACP (advance care planning) aufbereiten. Weder ist neu, dass traditionelle Patientenverfügungen in der Praxis so gut wie unbrauchbar sind (http://www.aerzteblatt.de/treffer?mode=s&wo=17&typ=16&aid=152952&s=2014&s=Patientenverf%FCgung) noch ist ACP oder das von Prof. In der Schmitten entwickelte, daran angelehnte System beizeiten begleiten (R) eine Lösung, die dem Bürger zu seinem Selbstbestimmungsrecht verhilft. Warum das so ist, das beschreibt Margula in seinem Patientenratgeber „Pflegefall? Nein, danke! Mit der Patientenverfügung selbst entscheiden“ (Facultas-Maudrich-Verlag, Wien, 2017) und er bietet dort gleichzeitig einen völlig neuen Lösungsansatz für das Problem.

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